Die schrecklichen Ausmaße des Hexenaberglaubens

Hört man den Begriff "Hexe", so denken die meisten sofort an das böse, bucklige Weiblein wie man es aus alten Märchen kennt.


Bereits im Jahr 1973 startete das Intstitut für Demoskopie in Allensbach eine Umfrage im Bezug auf den Hexenglauben.

Folgende Frage wurde gestellt:

"Hexenglauben in früherer Zeit" - Denken Sie, dass da was dran ist und dass es noch heute Hexen gibt?

Antworten:

Ja                     2 %
Vielleicht        9 %
Nein              89 %


Nach Ansicht des Autors F.W. Haack, Verfasser des Buches "Hexenglauben in der Bundesrepublik", München 1978, sind die Hexengläubigen am haufigsten in Gebieten zu finden, in denen traditionsreiche Lebensweisen und Ansichten   bis heute überlebt haben, wie z.B. in der Lünegurger Heide, in Küstengebieten, im Bodenseehinterland  und im Alpenvorland.


Hexen heute

Ausführung des Volkskundlers Johann Kruse, über das Treiben der heutigen Hexen:

Was sind das für Fähigkeiten, die den Hexen auch heute noch angelastet werden, welche Ausmasse nehmen solche Verdächtigungen an und kann man auch im 20. Jahrhundert noch vom Hexenwahn und Hexenverfolgung sprechen?

Seine Ausführungen belegen genau und anschaulich, dass es noch einen weitverbreiteten Hexen-aberglauben gibt, dem auch heute noch vornehmlich Frauen zum Opfer fallen - meist alte, alleinstehende Frauen, denen willkürlich alles Unglück angelastet wird, das in Haus und Hof passiert. Vor allem auf dem Lande führen viele Bewohner alles, was nicht mit rechten Dingen zugeht, auf das Walten von Frauen zurück, die als Hexen in irgend einer Weise mit dem Teufel im Bunde stehen.

(Die nachfolgenden Zitate enthalten wohlgemerkt Fallbeispiele für bösartigen Hexenaberglauben und dessen schreckliche Folgen aus dem  20. Jahrhundert.)

Die Hexen führen das Unglück durch den Bösen Blick, Bildzauber, Verfluchen oder Besprechen herbei. Auch sind sie in der Lage, sich in Tiere, vor allem Katzen zu verwandeln und können so großen Schaden anrichten:
" Vor einem Jahr....besserte ich mein Dach aus. Da kam eine schwarze Katze und lief dreimal um die Leiter. Als ich nachher hinunterstieg, krachte die Leiter und ich brach mir den Arm. Die Katze - das ist meine Nachbarin gewesen. Die kannn hexen. Sie ist wütend auf mich, weil meine Jungen manchmal in ihren Garten klettern und ich sie nicht zrückhalte."

Vor dem Bösen Blick muß man vor allem kleine Kinder schützen, denn denen sehen die Hexen die Seelen ab, um länger jung zu bleiben:
 " Mein Mann und ich zogen nach unserer Hochzeit nach einem anderen Dorfe. Als unser erstes Kind geboren war, kam eine Nachbarin und sagte: " Es kommt in unser Dorf immmer eine Hausiererin, die hat den bösen Blick. Versteck Dein Kind, wenn die Hexe kommt!"  Ich lachte über diesen Aberglauben. Eines Tages - unser Junge war wohl gerade zwei Monate alt, kam die Hausiererin. Ich saß in der Küche und hatte den Knaben auf dem Schoß. " Nun, junge Frau, was nötig? Zwirn, Band, Knöpfe?" "Nichts nötig!" antwortete ich. Sie blieb eine Weile und schwatzte, dabei sah sie immer auf das Kind. Plötzlich fiel mir ein, was die Nachbarin gesagt hatte und ich drückte den Kleinen schnell an die Brust. Aber es ist zu spät gewesen. Nach einigen Wochen wurde das Kind krank und ist bald gestorben. Das hat die Hexe, diese Hausiererin getan!



Mit dem Bildzauber können Hexen den Menschen Schaden zufügen, ohne in direktem Kontakt mit ihnen zu treten, z.B. durch nachgebildete Puppen. 1937 bereichtete eine Frau aus einem Dorf an der Niederelbe folgendes:

"Meine Nachbarn waren darüber stutzig geworden, dass ihr Kleinstes immer abends um die selbe Stunde , gegen 11 Uhr zu schreien anfing und das aus ganz unerklärlicher Ursache, denn keine noch so eingehende Untersuchung hatte bei dem Kinde eine Spur von Erkrankung feststellen können . Das Ende vom Liede war, dass es für die Nachbarn feststand, eine Hexe habe das Kind "unter" und dass nur die Frau B. im Dorfe dafür in Frage käme. Gute Freunde wurden beauftragt, sich zu einer bestimmten Zeit hinter das Fenster der Frau zu stellen und auf alle erdenkliche Weise zu versuchen, Einblick zu gewinnen. Gesagt - getan! Und was war es, was diese zu berichten wussten, als sie von ihrem Gange zurückkehrten? Mit dem Glockenschlage 11 Uhr habe die Hexe nach einer Puppe gegriffen, dieser das Hinterteil entblößt un ihr dort eine gehörige Tracht Prügel versetzt. Und dadurch, dass die Hexe beim Schlagen alle ihre Gedanken auf das arme Kind richtete, fühlte dieses die Schläge und krümmte sich vor Schmerzen"

Wen eine Hexe etwas lobt, heisst es Obacht geben, denn viele Behexungen werden durch das Beschreien verursacht. Werden von einer Hexe Schönheit, Kraft, Gesundheit oder andere positive Dinge bei Mensch und Tier gelobt, kann sich das nach einiger Zeit durchaus ins Gegenteil verändern:
"Wir mästeten im letzten Sommer ein Schwein, damit wir besser durch den Winter kämen, aber im August starb es. Unsere Nachbarin hatte es verhext!  Eines Abends, als ich gerade das Tier fütterte, kam das Weib in den Stall, sah sich das Tier an und sagte: "Welch ein schönes Schwein! So dick und fett schon!"  Nach vier Wochen wurde das Tier krank. Drei Tage später war es tot."


Eine weitverbreitete Unart der Hexen ist der sogenannte Milchzauber, der immer dafür verantwortlich gemacht wird, wenn die Kühe wenig oder garkeine Milch geben. Die Hexe ist in der Lage, durch Fernzauber die Milch der Kühe für sich selbst aus den Eutern herauszuzaubern. Noch ein Beispiel aus Johann Kruses umfangreicher Sammlung:

".....mal ist meine Tante bei ihrer Nachbarin eingeladen gewesen. Als sie Kaffee trinken wollten, war der Rahm sauer geworden und meine Tante bedauerte es sehr. "Das ist nicht so schlimm"antwortete die Nachbarin. Sie ging in die Küche, steckte ein Brotmesser in den Türpfosten und begann am Griff zu melken. Da hat meine Tante gewußt, wovon das Weib immer so gesund und dick war."
Erzählung einer Frau aus dem Jahr 1949


Wie man sich vor Hexen schützt    

Um vor Hexenzauber sicher zu sein, gibt es eine Menge Abwehrmaßnahmen - von Schutzmitteln wie Pflanzen und Amutlette bis zum oft brutalen Gegenzauber wie Ausräuchern oder Verprügeln. Zuerst muß man natürlich eine Hexe als solche erkennen, um sich vor ihr schützen zu können.

Äusserliche Merkmale wie hohes Alter, gebückte Haltung, zusammengewachsene Augenbrauen, Schielen oder Glubschaugen, Barthaare, Warzen oder Muttermale sind zwar höchst verdächtig, aber nicht immer zuverlässig. Interessant ist bei den Ausführungen Kruses, dass im Volksglauben ein Bild von der Hexe herrscht, die wir aus Märchen und Schauergeschichten kennen, das der alten buckligen Frau mit der Warze auf der Nase und der Katze auf der Schulter, die anderen aus purer Bosheit nur Unglück wünscht. Keine Rede von der weisen Frau, der Heilkundigen, die durch ihr Wissen vielen Menschen geholfen hat.

Eine beliebte Methode, Frauen als Hexen zu entlarven, ist folgende:

Man biete einer als Hexe verdächtigen Frau einen Stuhl an, unter dessen Kissen eine gekreuzte Scheere liegt. Will sich die Frau nicht darauf setzen, ist sie eine Hexe. Überhaupt meiden Hexen alles, was durch kreuzförmig angeordnete Gegenstände geschützt ist, etwa über Kreuz gestellte Besen vor der Stalltür.
Strickende Frauen sind ebenso vor Hexenzauber sicher wie Menschen, die kreuzförmige Stickereien auf ihrer Wäsche tragen.

Kreuzdorn ist ein beliebtes Mittel, um Hexen zu erkennen:

" Um zu erproben, ob die im Dorf als Hexe verschriene Frau wirklich eine Teufelsdienerin sei, legte der Bäckermeister einen kleinen Kreuzdornstock unter die Fußmatte zum Eingang der Backstube. Und siehe, als die Alte den Brotteig brachte, mußte der Bäcker ihr den Brotteig vor der Tür abnehmen, weil sie nicht hinein konnte - so gern sie auch wollte! Sie konnte über den Kreuzdorn nicht rüber!" berrichtete im Jahr 1947 ein Lehrer aus Holstein.

Schutz vor Hexen bieten alle möglichen Talismane wie Eicheln, Kastanien, Hufeisen, Hunde- oder Hasenpfoten, auch Friedhofserde soll schützen. Zettel mit magischen Zeichen - Himmelsbriefe genannt, machen sicher vor Hexenzauber, ebenso der in der Apotheke erhältliche Teufelsdreck (Ferula assa foetida), der in Kleidersäume eingenäht oder auf Türschwellen gelegt wird. Auf keinen Fall soll man einer als Hexe verdächtigen Frau etwas leihen oder von ihr  annehmen - es wird/ist bestimmt verhext!

Wähnt man sich nun doch aller Schutzmaßnahmen zum Trotz einem Hexenzauber verfallen, muß man zu Gegenmaßnahmen greifen. Viele dieser Gegenzauber sind altbekannte, überlieferte Mittel. Es gibt aber auch eine Anzahl songenannter Sympathiebücher, in denen eine Fülle von Ratschlägen enthalten sind. Sympathie bedeutet die Aufhebung des Zaubers durch die Kraft der eigenen Gedanken, durch Sprüche, Gebärden oder Gebete.

Die einfachste Art, Hexenzauber loszuwerden ist, dass man ihn auf andere Personen überträgt. Z.B. werden Tierleichen von verstorbenen Kühen oder Schweinen auf Nachbargrundstücken vergraben, um das Unglück so abzuwenden.

Ein Lehrer aus Dithmarschen berichtete 1938:
"Kürzlich fand ein hiesiger Einwohner in seinem Garten ein ganz frisches Brot  eingegraben. Wer es eingegraben hatte, wusste man nicht. In unserem Dorf finden Einwohner auch vergrabene Hühner, Ferkel usw. Abergläubische graben sie bei Ihnen ein, um sich von einem Mißgeschick zu befreien, es auf einen anderen zu übertragen."

Der Blutbann ist eine weitere Möglichkeit, Zauber aufzuheben:

Die Hexe verliert ihre Macht, wenn man das von ihr verhext geglaubte Tier - es können aber auch Menschen sein - bis aufs Blut schlägt. Die Hexe spürt die Schmerzen und hebt den Zauber auf. Manchmal kann man sie auch am nächsten Tag erkennen, wenn sie über Schmerzen oder eine schlaflose Nacht klagt.

 Von der Insel Fehmarn berichtete eine Frau:

" Als unsere Kühe trotz des reichhaltigen Futters nur wenig Milch gaben, wußten wir gleich, dass eine Hexe sie stahl. Die sitzt dann in ihrer Küche, hat ein Messer in die Wand geschlagen und melkt daran. Wir wußten ja, wer das Weib war und kannten auch das Mittel, womit es zu strafen war. Mein Mann prügelte in der Nacht eine Kuh bis das Fell an einer Seite aufsprang und das Blut lief. Am anderen Tag lag das Weib krank zu Bett und unsere Kühe fingen an, wieder gute Milch zu geben."

Nicht nur Tiere müssen unter solch brutaler Konsequenz des Aberglaubens leiden, auch Kinder können die Opfer sein, wie folgendes Beispiel zeigt:

"Unsere kleine Berta hatte soviel Asthma, wir hatten es bald raus, wer unsere kleine Dearn behext hatte. Wir haben der Kleinen einen Schutzbrief auf die Brust gehängt. Auch haben wir eine Schere kreuzweise unter die Fußmatte gelegt. Aber es nützte nichts. Da haben wir mit Teufelsdreck geräuchert. Dabei haben wir die Berta nackt über den Rauch gehalten, dass sie fast erstickte. Da sagten die Leute, wir sollten unser Schwein prügeln. Die Hexe fühlt dann die Schläge und gibt das Kind frei. Dreimal hat mein Mann das Tier geschlagen bis das Blut kam,
aber es half nichts. Als die Krankheit dann schlimmer wurde sagten die Leute, wir sollten unsere kranke Berta schlagen. Erst wollten wir nicht. Als es aber immer schlimmer wurde, da haben wir es zuletzt doch getan. Ach, wie hat sie geschrien! Sie hat uns so angesehen, sie wußte ja nicht, warum wir es taten. Sie ist nach einem halben Jahr gestorben. Sie bekam eine Lungenentzündung."

Quellennachweis:

Zitate aus "Hexen unter uns", j. Kruse, Leer

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